Finanzplatz der kurzen Wege: Frankfurt am Main

AMBITION – STÄRKUNG DER KAPITALMÄRKTE

Eine Alternative für Europa



Die Entscheidung der britischen Bevölkerung am 23. Juni 2016 für einen Ausstieg aus der Europäischen Union war ein Schreckmoment. Jetzt gilt es, aus diesem Ereignis die richtigen Lehren zu ziehen. Gerade die Deutsche Börse als globales Unternehmen mit festen europäischen Wurzeln ist hier – wie andere große Unternehmen Europas – in der Verantwortung.

Nicht alles ist neu seit jenem 23. Juni. So bleiben die Briten Europäer, auch wenn sie die EU verlassen. Die Verhandlungen über den Brexit spielen daher eine entscheidende Rolle für die langfristige Zukunft nicht nur der Europäischen Union: Wir Europäer müssen an unseren erfolgreichen, freiheitlichen Grundprinzipien festhalten – auch, wenn diese Prinzipien gerade nicht sehr populär sind.

Diese Prinzipien haben uns Wohlstand und Frieden gesichert, viele Jahrzehnte lang. Dass das keine Selbstverständlichkeit ist, zeigt sich gerade in der Gegenwart.

Daher muss Kontinentaleuropa weiterhin eng mit Großbritannien zusammenarbeiten. Diese Erkenntnis wird sich durchsetzen, denn die Spielregeln der internationalen Märkte und des Wettbewerbs ändern sich nicht von heute auf morgen. Aber natürlich verlangen diese Spielregeln nach immer neuen und intelligenteren Lösungen, um Ungleichgewichte – gerade innerhalb Europas – zu verhindern. Um im globalen Wettbewerb zu bestehen, muss Europa seine Hausaufgaben machen.

Kapitalmarktunion

Die Kapitalmarktunion ist ein Projekt der Europäischen Kommission. Sie soll Kapital für Unternehmen und Infrastrukturvorhaben erschließen und Sparvermögen mit Wachstumschancen zusammenbringen. Im September 2015 hat die EU-Kommission einen Aktionsplan für den Aufbau der Kapitalmarktunion bis 2019 veröffentlicht.

Die Kapitalmarktunion als realistische Option

Umso wichtiger wird es nun für die Akteure am Finanzplatz sein, sich auf die Durchsetzung der Kapitalmarktunion zu konzentrieren, die von der Europäischen Kommission angestrebt wird. Für eine solche Union sprechen viele Argumente. Das Argument mit der derzeit größten Überzeugungskraft ist ein pragmatisches: Die Vereinheitlichung der Finanzmärkte erscheint – im Unterschied zur Integration der europäischen Staaten auf anderen Ebenen – als durchsetzbar. Sie greift nicht in die Rechte nationaler Regierungen und die Besitzstände der Bevölkerungen ein. Für solche umfassenden Eingriffe aus Brüssel fehlt einfach weithin die Akzeptanz. Der Brexit ist und bleibt ein dramatisches Signal in diese Richtung.

Eine vollständig ausgebaute Fiskalunion, so erwünscht sie aus guten Gründen auch sein mag, brächte großvolumige europaweite Kapitaltransfers mit sich. Das würde das Gefühl einer Entkoppelung von Politik und Verantwortung aber wohl eher noch verstärken. Wir benötigen einen echten europäischen Kapitalmarkt, gerade wegen des bevorstehenden Brexit. Die Kapitalmarktunion würde helfen, im globalen Wettbewerb zu bestehen. Im wohlverstandenen Eigeninteresse der Beteiligten kann sie daher mit Zustimmung rechnen. Sie stellt eine sehr wirkungsvolle Lösung vieler der Herausforderungen dar, vor denen wir in Europa gegenwärtig stehen. Stichworte sind hier der Ausbau und der Erhalt der Infrastruktur, der Aufbau einer nachhaltigen Altersvorsorge und strukturelle Maßnahmen zum Abbau der hohen Arbeitslosigkeit in einigen Ländern und die Finanzierung von Wachstum.

Die EU-Kommission setzt mit der Kapitalmarktunion positive Anreize. Sie wäre das Gegenteil eines staatlichen Eingriffs, auch wenn sie in ähnlicher Weise eine große makroökonomische Kraft entfalten könnte: Sie könnte die Ungleichgewichte heilen, die durch die monetäre Union in Europa entstanden sind – und dadurch die Akzeptanz des gemeinsamen Währungsprojekts wieder erhöhen. Das hätte auch positive politische Rückwirkungen.

Chancen durch einen einheitlichen europäischen Kapitalverkehr

Es liegt auf der Hand, dass ein intensiverer grenzüberschreitender Kapitalverkehr der europäischen Wirtschaft deutliche Vorteile bringen würde. Kapital wäre nämlich europaweit leichter verfügbar. Zudem würden neue Anlage- und Investitionsmöglichkeiten erschlossen, die sich zu gleichen Bedingungen – und damit nachvollziehbar – am Markt bewegen. Es lassen sich auch schon konkrete Nutzer auf allen Seiten identifizieren. Die großen staatlichen Altersvorsorgesysteme und die Versicherer suchen momentan nach Möglichkeiten, ihre Gelder langfristig anzulegen; europäische Länder stehen vor der Aufgabe, ihre Infrastruktur auszubauen und zu modernisieren: Eisenbahnlinien, Autobahnen, Brücken, Flughäfen, der Nahverkehr in den Ballungszentren – das sind nur einige Beispiele für die Bereiche, in denen in allen europäischen Ländern Nachholbedarf besteht. Gerade an diesen Stellen käme ein schneller und nachhaltiger Ausbau der Realwirtschaft und damit auch den Menschen zugute. Vom großen Konzern bis zum Handwerker, vom Vielflieger bis zum Urlaubsreisenden, ob im Auto, mit der S-Bahn oder im Schnellzug: wir alle benötigen eine belastbare zukunftsfeste Infrastruktur.

Gibt es einen europaweiten, freien Kapitalverkehr, dann schont dies die Staatshaushalte. Europaweit handelbare Anleihen für Infrastrukturmaßnahmen würden für einen effizienten und bedarfsgerechten Kapitalfluss sorgen. Und es ergeben sich Vorteile für die Länder und Gesellschaften, in denen die Maßnahmen und Bauwerke entstehen, v. a. auch im Hinblick auf Transparenz, Effizienz, Wachstum und Arbeitsplätze. Die neu verfügbaren Finanzierungen fließen nämlich dahin, wo mit ausreichender Transparenz geplant, gebaut und bewirtschaftet wird. Regionen, in denen beispielsweise staatliche Gelder in der Vergangenheit unbemerkt „versickert“ sind, können auf diese Weise gewinnen: Investitionen kommen unter der Bedingung, dass Transparenz zur conditio sine qua non wird, bei den Menschen vor Ort an. Das wird einen europaweiten, sich selbst verstärkenden Prozess auslösen. Und das könnte auch der Ausgangspunkt für eine lebendigere Aktienkultur in Europa sein.

„Die Kapitalmarktunion stellt eine sehr wirkungsvolle Lösung vieler der Herausforderungen dar, vor denen wir in Europa gegenwärtig stehen. Für die Realwirtschaft schafft sie einen leichten und sicheren Zugang zu Kapital.“

Carsten Kengeter, Vorstandsvorsitzender, auf dem Finanzmarkt-Forum Luxemburg am 17. Oktober 2016

Finanzierung der Realwirtschaft

Der hier beschriebene Mechanismus einer Kapitalmarktunion würde dafür sorgen, dass Kapital und Investitionsvorhaben leichter als bisher zueinander finden – auch unabhängig von der Finanzierung über Banken und mit langfristiger Perspektive. Zugleich würde er auch die europäischen Kapitalmärkte robuster machen und diversifizieren. Auch auf diesen Märkten wäre eine neue Art der Transparenz gegeben, die Brücken, Schienen und Schulgebäude schneller zu den Menschen vor Ort bringt. Vor allem aber schafft die Kapitalmarktunion für die Realwirtschaft und den wachsenden Unternehmen in Europa einen leichteren und sichereren Zugang zu Kapital. Der Brexit ist Warnsignal und Aufforderung zugleich, diese Chance endlich zu ergreifen.