ambition – Energiehandel in Europa

EEX: eine globale Multi-Commodity-Plattform



Die Umstellung auf erneuerbare Energien wirbelt die Strommärkte durcheinander. Die Stromerzeuger sind einem rasanten Wandel ausgesetzt. „Ebenso schnell ändern sich auch die Wünsche unserer Kunden an uns“, sagt Peter Reitz, Vorstandsvorsitzender der European Energy Exchange (EEX) in Leipzig.

Kurzfristiger Handel – rund um die Uhr

Die Systeme summen, die Bildschirme blinken, das Team der Handelsüberwachung verrichtet seine Arbeit. Alles ganz normal, könnte man denken. So sehen elektronische Handelsplätze heute aus. Es ist aber doch immer noch etwas Besonderes, wenn – angetrieben durch die Umstellung auf erneuerbare Energien – auch der Stromhandel immer kurzfristiger wird. Er wird mehr und mehr zu einem Handel in Echtzeit. Und diese Entwicklung hängt eng mit den neuen Energiequellen zusammen.

„Wenn sich die Erträge aus der Wind- oder Solareinspeisung gegenüber den Prognosen ändern – und das passiert laufend – muss sehr kurzfristig gegengesteuert werden. Weil sich Strom noch nicht in großen Mengen speichern lässt, müssen die Erzeugung und der Verbrauch immer ausgeglichen sein. ‚Volatile Situationen‘ am Strommarkt mit sehr hohen oder sogar negativen Preisen sind nicht ungewöhnlich“, erläutert Reitz. Diese Phänomene und die damit verbundenen Herausforderungen werden vielen aus Presseberichten über die technischen Folgen der Energiewende bekannt sein. „Für uns an der Strombörse ist das keine abstrakte Diskussion – unsere Handelssysteme müssen mit der neuen Gesamtlage am Markt zurechtkommen.“

Der Handel verläuft ganz anders als noch vor wenigen Jahren. Die Kunden der EEX nutzen die neuen Möglichkeiten: „An den physischen Spotmärkten, also im Handel mit realen Strommengen, ist es heute Standard, Strom in 15-Minuten-Produkten, 24/7, also rund um die Uhr, und bis zu 30 Minuten vor Lieferung zu handeln“, berichtet Reitz. „Auf diese Entwicklung reagiert dann auch unser Terminmarkt.“ Mit neuen Produkten können die Handelsteilnehmer die immer volatileren Preise mit passenden Instrumenten absichern. Ebenso die spezifischen Mengenrisiken aus der Vermarktung erneuerbarer Energien – z.B. die Abweichungen von den Prognosen bei der Einspeisung von Windenergie.

Peter Reitz

Vorstandsvorsitzender, European Energy Exchange AG

„In unserer etwas speziellen Branche liegen volatile und strukturelle Effekte eng beieinander.“

Starkes Wachstum

Seit ihrer Gründung 2002 aus den beiden Strombörsen in Leipzig und Frankfurt am Main hat sich die EEX von einer rein deutschen Strombörse zur führenden europäischen Energiebörse entwickelt. Heute deckt die Gruppe mit ihren Märkten große Teile der europäischen Landkarte ab: Strommärkte in 16 Ländern, Gasmärkte in neun Ländern und Handel von Emissionsberechtigungen für 27 EU-Länder. „Unsere Kapazitäten und technischen Möglichkeiten wachsen, zusammen mit unserer Angebotspalette“, so Reitz. Insgesamt wurde 2016 an den Spot- und Terminmärkten für Strom ein Rekordvolumen von 4.456 Terawattstunden (abgekürzt als TWh – 1 Terawatt sind 1 Billion Watt) umgesetzt, 2015 waren es noch 3.062 TWh. Auf PEGAS®, der Gashandelsplattform (Spot- und Terminmarkt) der EEX-Gruppe, wurden im Jahr 2016 in Summe 1.756 TWh gehandelt, gegenüber 1.042 TWh im Vorjahr.

Hat die EEX ein Erfolgsrezept? „Rezept würde ich das nicht nennen, aber es hat auf jeden Fall gepasst,“ antwortet Peter Reitz. „Wir setzen auf die Verbindung von physischem und Derivate-Handel und bieten Handel, Clearing – Abwicklung und Erfüllung – und Dienste für die Berichterstattung aus einer Hand an. Insgesamt verfolgen wir einen dezidiert partnerschaftlichen Ansatz gegenüber unseren Kunden, die zum Teil zugleich unsere Aktionäre sind.“

European Energy Exchange: Steckbrief

  • gegründet 2002 durch den Zusammenschluss der Strombörsen in Frankfurt am Main und Leipzig
  • 63 Prozent der Aktien im Besitz der Deutsche Börse AG
  • seit 2014 im Konzernabschluss der Gruppe Deutsche Börse voll konsolidiert
  • bildet mit Unternehmen wie Powernext, EPEX SPOT, Cleartrade Exchange (CLTX), Gaspoint Nordic, Power Exchange Central Europe (PXE) und European Commodity Clearing (ECC) die EEX-Gruppe
  • insgesamt 450 Mitarbeiter an 15 Standorten
  • Clearing und Abwicklung der Geschäfte über ECC

Ein ausbalanciertes Governance-Modell

Das Governance-Modell der EEX hat einen hohen Anteil an ihrem nachhaltigen wirtschaftlichen Wachstum und es bestärkt die hervorragende Wettbewerbsposition der Energiebörse. „Wir haben eine starke lokale Verankerung und hier vor Ort auch politische Unterstützung“, so Reitz. Kunden, die gleichzeitig Anteilseigner sind, haben ein natürliches Interesse an der positiven strategischen Entwicklung des Unternehmens. Im Ergebnis führt das zu einer starken Verzahnung der strategischen Entscheidungen des Managements mit den Bedürfnissen des Marktes und der Kunden. „Wir werden nichts gegen den Markt und unsere Kunden entscheiden“, fasst Reitz das Verhältnis zusammen.

Dieser Ansatz hat sich in den letzten Jahren als sehr erfolgreich erwiesen. Mit ihrem Börsenmodell hat die EEX gegenüber dem außerbörslichen Handel deutlich an Marktanteilen gewonnen. Dazu kommt eine gewisse Verlässlichkeit, die in dieser Branche entscheidend ist. Abrupte Veränderungen von Produkten und Services können für Verunsicherung sorgen. Die Produkte und Services der EEX haben sich als Marktstandard etabliert und sie genießen hohes Vertrauen. Ein Beispiel ist der Phelix-Future, der im europäischen Strom-Großhandel aufgrund seiner Liquidität als Marktstandard gilt. „Dieser Erfolg ist hart erarbeitet“, resümiert Reitz. „Von diesem Status aus haben wir das strategische Ziel formuliert, die EEX zu einer führenden globalen Multi-Commodity-Plattform zu entwickeln.“

Große Größen

1 Terawatt, 1012 Watt oder 1 Milliarde Kilowatt, entspricht der Leistung von etwa 1 Milliarde Staubsaugern. Mit einer Terawattstunde könnte man 15.000.000.000 Hemden bügeln. Der Stromverbrauch in Deutschland beträgt etwa 600 Terawattstunden im Jahr.

Energie als Branche

„In unserer etwas speziellen Branche liegen volatile und strukturelle Effekte eng beieinander“, erklärt Reitz. Beide können Treiber für das Wachstum der Energiebörse EEX sein und sie waren das auch in der Vergangenheit. „Nachhaltig und selbst gestaltbar ist aber nur strukturelles Wachstum“, ist Reitz überzeugt. Damit zielt er auf Wachstum in den Kernmärkten, auf die geografische Ausdehnung der Angebote und auf den Eintritt in neue Geschäftsfelder.

„Marktvolatilitäten können zwar verstärkte Handelsaktivitäten hervorrufen“, sagt Reitz. Er nennt die politisch motivierte Abschaltung von Kernkraftwerken in Deutschland nach dem Nuklearunfall im japanischen Fukushima als Beispiel. „Diese von außen kommenden Ereignisse lassen sich aber nicht vorhersehen – und sie sind in ihren Wirkungen schwer kalkulierbar. Weshalb eben nicht nur Potenzial, sondern auch Risiko mit ihnen verbunden ist.“

Immer noch summen in Leipzig die Rechner, obwohl längst später Abend geworden ist. Die attraktive Stadt, eine Boomtown in Sachsen, lockt mit einem lebendigen Nachtleben. Aber auch an diesem Abend geht der Handel an der Energiebörse weiter. Die ganze Nacht sind Kollegen in Bereitschaft. „Rund um die Uhr heißt eben rund um die Uhr“, schmunzelt Reitz.

 

Auf vielen Märkten erfolgreich unterwegs: die European Energy Exchange